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FÜLÖP

Andreas Roseneder: shot

es ist mir jetzt mit bald 50 auf dem buckel kein leichtes, die folgende erzählung, die ich vor mehr als 30 jahren hinter meine schulter warf, wieder zu veröffentlichen. es ist mir auch nach wie vor unerklärlich, was mir damals den anstoß zur malerei gab und was mich die letzten jahrzehnte daran hielt, weiterzuarbeiten.  Ich weiß nur eins: für einen maler gibt es keinen schrecklicheren augenblick als den, in dem er merkt, dass ihm der antrieb zum malen verlorengegangen ist, dass er stagniert in seiner arbeit. mit der aus dieser arbeitshemmung gewonnenen erkenntnis, dass es der fülle des allgemeinen lebens nichts hinzuzufügen gäbe, sieht der maler seinen impetus per se zerstört: seine lebensberechtigung. – und dies wird keiner nachvollziehen können, der niemals einen pinsel zu dieser schlussfogerung gebraucht hat.

FÜLÖP

Das schwere Getöse der Stadt war zu leisem Lispeln gebrochen. Vögel setzten ihre scharfen Stimmen in die Luft, die von Sonnenschein überquoll. Fülöp saß unter den Dächern der Bäume und atmete die Herrlichkeit ein, die ihn umfloss, um das Gefühl der Schwer, das auf ihm lastete, aus seinem Leib zu treiben und in den Himmel zu schicken. Vor seinen Augen glänzten die sattesten Farben, frühlingsdurchflutete Luft zog darüber hinweg und Töne der Natur fielen vom Himmel. Auch Menschenstimmen drängten durch das Geäst, doch er hörte sie nicht, sie waren ihm wie Löcher im Käse: sie sind zwar vorhanden, aber man schmeckt sie nicht. Die Schönheit der Natur brach augenblicklich auf ihn ein, öffnete sein Herz und ließ ihn lächeln.

Fülöp sah dies alles mit den Augen des Malers. Er sah Farben, sah Licht und Schatten; und er nahm sich die Freiheit, die Natur auszubessern, wo ihm etwas zu blaß oder zu feurig erschien, setzte er Farbe hinzu oder nahm welche weg - seine Augen wurden zum Pinsel: hier mehr Ultramarinblau, da eine Spur weniger Karmesinrot, dort eine dichtere Schicht Chromgelb – und hie und da setzte er Lichtpunkte hinzu, um das Bild aufzuheitern. Seinen geübten Augen entging kein Fehler der Natur, und er freute sich darüber. Er war Herr über sie, konnte sie beliebig verändern und gestalten und musste keines ihrer Bilder als gegeben hinnehmen. Seine Gedächtnisbilder wurden bald so perfekt, dass sie für göttliche Wände bestimmt schienen; sie blieben dennoch den anderen fremd, auch wenn sie sich tief in sein Gehirn eingegraben hatten. Sobald er, von seiner Motivsuche zurückgekehrt, in seinem aAtelier versuchte, das Geschehene und Empfunden seinem Bilde im Gedächtnis gerecht nachzuvollziehen, stand er vor einem schwerwiegendem Problem: Seine Hände streikten, das Gedächtnisbild ließ sich nicht auf die Leinwnd bannen, und das Endergebnis war stets der Versuch eines diletierenden Sonntagsmalers. Aber dennoch lag der Atem der Natur, den er durstig eingesogen, feucht auf jedem seiner Bilder, Und die Käufer spürten diesen Hauch und freuten sich, ein Bild Fülöps zu Hause hängen zu haben.

Die Bilder gefielen also den Leuten, doch Fülöp war weit entfernt davon, Schönes auf seiner Leinwand zu entdecken. Er suchte gar nicht danach, er hätte wohl auch nichts gefunden, denn in ihm steckte nur das Abbild der Natur, und er pflegte alles damit zu vergleichen. Fülöp verkaufte daher seine Bilder sofort, wenn der Firnis getrocknet war, und Bilder, welche die Leute nicht zum Kaufe reizten, verschenkte er unter seinen Bekannten, um sie seinem eigenen Blickfeld zu entziehen und das perfekt gespeicherte Abbild in seinem Gehirn nicht durch den Anblick zu zerstören.

Fülöp hatte ein gutes Gedächtnis, er verlor auch keines seiner idealen Bilder aus seinem Kopf und war imstande, sie chronologisch geordnet aus seinem Gedächtnis abzuberufen – um es dann wieder in die Tiefe seines Gehirns zu versenken. Und wenn einmal ein solches Abbild aus dem Rahmen gefallen und verschwunden wäre, Fülöp hätte dies sofort bemerkt und sich auf die Suche begeben, wie jeder Hirte ein verlorengegangenes Schäfchen so lange sucht, bis er es in einer dornigen Hecke verstrickt findet.

Fülöp saß nun im Park der großen Stadt, hatte ein neues Motiv gefunden, ließ es auf sich einwirken und tiefe Rillen in sein Hirn prägen. Er wusste, dass er in seinem Atelier wieder vor der Schwierigkeit stehen würde, seine gesammelten Eindrücke wiederzugeben. – Doch was kümmerte ihn das nun, da er die prächtigsten Farben bereits im Kopf hatte und ein schillerndes Gemälde von ungeheuren Ausmaßen in seinem Kopf hing. Stundenlang war er nun schon gesessen, als er sich entschloss, das Gedächtnismalen zu beenden, denn er hatte seine Arbeit mit voller Befriedigung seiner selbst abgeschlossen, um sein Atelier im Getümmel der Häuserblöcke ausfindig zu machen. Er erhob sich von seinem Ruheplatz, ging durch den Wald von Stämmen und bedauerte schließlich, aus der Geborgenheit, die ihn im Wald umwoben hatte, auf den freien, frischen Kiesweg, der den Park mit seinem Netz gliederte, zu stoßen. Je näher die Stadt rückte, desto mehr Menschen liefen auf den Kieswegen und hasteten durch seine Bilder, durch all die Schönheit, die sie gar nicht zu sehen wussten wie er selber es verstand. Im Park wurde es lauter, und mit dem Namen der Stadt, deren Häusermeer wogte, Fülöp zusehends trauriger. Als sich das riesige Tor, das die Mauer durchbrach, welche den Park von der Stadt abgrenzte, vor ihm breitmachte, zögerte Fülöp, sein Paradies zu verlassen und in die Hölle der Stadt einzutreten. Hatte er doch die Schönheiten aus seinem Paradies erhascht und gleichzeitig die Furcht, sie hinter dem Tor wieder zu verlieren. Er festigte die Anker, an denen seine Bilder hingen, welche sie auch am Fortfliegen hinderten, und durchstieß mit gebeugt vorgestrecktem Kopf die Grenze.

Fülöp tappte durch die Röhren der Stadt, sah ringsum sich eingegrenzt durch Wände, Mauern, Gitter… hörte wieder die Stimmen der Menschen während dessen seine Bilder immer tiefer in sein Unterbewusstsein sanken. Die kalte Atmosphäre der ‚Stadt sog sich an seinem Kopf fest.

„Der heutige Tag will auch nicht vergehen“, hörte Fülöp einen Mann sagen. Und diese Worte brannten auf seinem Herzen, wie der da mit der Zeit umging als wär sie ein Trittball. Diese Worte schlossen alle Öffnungen, die kurz zuvor noch zu Fülöps Herzen geführt hatten. – Alles prallte daran ab.

Die Wände um ihn engten sich immer mehr ein, die Röhren, durch die er zu schreiten glaubte, schrumpften mit jedem seiner Schritte. Schlussendlich fand er Einlaß in einer Wand, öffnete eine Tür darin, schnell, riegelte sie hinter sich ab, presste seinen Körper an sie und atmete tief ein. Es war ihm als hätte er sich auf eine einsame Insel gerettet.

Auf dieser Insel war alles ziemlich ungeordnet. Auf dem Boden lagen Farbtiegel, Pinsel, Leinwandreste, Bücher, Zeitschriften. Fülöp las gern und viel, in den Regalen glänzten Buchrücken mit Namen wie Nietzsche in Goldlettern. – Wenn Fülöp kein Motiv gefunden hatte und dadurch nicht zum Gedächtnismalen gekommen war, versank er in die Zeilen seiner Bücher, mischte Gelesenes mit seinen Bildern, Personen wandelten sich durch den Glanz seiner Malereinen, Reime klangen in die Farben, die in seinem Kopfe staken. - Hatte er doch auch selber des Öfteren versucht, Reime zu formen und dabei stets gescheitert, konnte mit Pinsel und Farbe arbeiten, aber Feder und Wort waren bei jedwedem Versuch kalt geblieben: Die Feder wollte nicht so fließen wie der Pinsel über die Leinwand huschte.

Fülöp ließ sich in einen weichen Fauteuil fallen, er streckte die Füße über den Tisch und wollte das erst kürzlich Festgehaltene an Bildern vor seinen Augen wie einen Film abspielen. Allein – es gelang ihm nicht, sein Gehirn im Gedächtnis versagte, war doch grau und leer vom Gang durch die Röhren der Stadt.

Die umgreifende Öde färbte auf sein Herz ab, nun schwamm dieses grau und kalt in ihm, und er wusste nicht wie davon befreien. Zudem hatte sich die Stadt tief in sein Fleisch gekrallt mit ihrem Gewicht und wollte nun nicht mehr loslassen. – Fülöp rief buchstäblich nach seinen Bildern, schrie verzweifelt, fand sie nicht. Kramte in seinem Inneren, doch blieben sie verborgen in ihm selbst und offenbarten sich nicht.

Fülöp hatte seine Bilder verloren.

Schnell griff er nach einem Pinsel, sammelt die verstreuten Farbtuben, spannte ein großes Stück Leinwand auf einen Keilrahmen, stellte ihn auf seine Staffelei und begann in einem Zuge die grellsten Farben aus seiner Palette darauf zu spritzen.

Kräftig wühlte er mit seinen Pinseln in der Farbschicht, nahm wieder Farbe von der Palette, alle verfügbaren Farben wurden über den Canvas gewirbelt, mischten sich dabei untereinander, wurden dann von Fülöp nochmals dicker aufgetragen, verteilt, der Pinsel zuckend hindurch, kratzend an der Leinwand. Fülöp legte dabei eine Schicht auf die andere, grub sich in die untere Farbschicht, nahm weg, fügte hinzu.

Die Stunden verrannen und stürzten sich auf Fülöp wie ein Bergbach. Es war nicht leere Zeit, denn sie furchten tiefe Spuren in Fülöps Wesen, das hier trunken vor Eifer tobte. – Die Stunden brachten Vollendung. – Fülöp stand vor der Staffelei, legte Pinsel, Palette mit Farben nieder, wich einige kurze Schritte zurück und ließ das geschaffene Bild auf sich einwirken.

Es war Fülöps erstes wahres Bild. Es war eines seiner Gedächtnisbilder, nur jetzt ohne Gedanke. Prachtvoll eigenständig stand es vor ihm auf der zarten Staffelei. Aber plötzlich ging das Erscheinungsbild in Nebel über, ein Schleier fiel über Fülöps Augen, und er wusste nicht, wie ihm wurde – als ob sich Blei auf seine Glieder gesenkt hätte. Er fiel in den Fauteuil.

Fülöp schlief über Tage hindurch einen tiefen, klaren Schlaf. Als sich der Schlaf von ihm hob, sah er das Werk von wenigen Stunden vor sich stehen. –  Es ist eines meiner Gedächtnisbilder, dachte Fülöp und versuchte, den Ursprung in den Tiefen des Gehirns aufzustöbern. – Aber es fehlte, auch alle anderen, sie hatten sich allesamt losgerissen aus ihren Verankerungen, aus Fülöps Kopf geflüchtet. Seine ihm heiligen Bilder waren aus ihren Rahmen gefallen, hatten Fülöp ausgetrickst und ihn seines einzigen Lebensinhaltes beraubt.

Fülöp fühlte sich leer, sein Gehirn war zur leeren Wüste ausgetrocknet. - Dort auf der Staffelei stand jedoch eines seiner Bilder. Es glich dem Gedächtnisbild aus seiner Erinnerung aufs Haar, - nur dass es Wirklichkeit geworden war, seinen Kopf verlassen und seine Spuren auf der Leinwand gezogen hatte: Ein Bildnis der Natur selbst.

Auch die nächsten Tage erschienen die Gedächtnisbilder nicht mehr. Fülöp hatte auch die Gabe, die Natur selbst zu bessern und dadurch für sich zu läutern, nicht mehr in der Hand. Es war ihm entglitten, der Schlaf hatte alles ausgelöscht. Die Fähigkeit zu malen besaß er noch, aber die Bilder, die er malte, die waren leer, ausdruckslos und kalt wie die Stadt, in der er sein Atelier hatte.

Fülöp legte schließlich die Pinsel nieder, er konnte nicht mehr. Er hatte kein Leben mehr, und es wunderte schlussendlich auch niemanden, daß man eines Tages Fülöps Leiche aus dem grauen kalten Fluss zog, der sich träge durch die Stadt wand.

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